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Venedig 2021: Overtourism – Biennale – Pandemie

Invitation in English

Eine kritische Raumexkursion vom 12. bis 18. September 2021 in eine sterbende (?!) Stadt

In wenigen Bereichen sind die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie so sehr zu spüren, wie im Tourismussektor. Insbesondere für Venedig wurden diese Auswirkungen häufig zitiert und in Bezug auf Massentourismus analysiert. Beispielsweise ging im Frühjahr 2020 die euphorische Schlagzeile durch die internationale Presse, dass Delfine in die Kanäle Venedigs zurückkehrten, nachdem Kreuzfahrtschiffe die Stadt seit Pandemiebeginn nicht mehr anfahren durften.

Einige Venezianer:innen meinen jedoch, dass die Delfine nie weg waren – Bewohner:innen und Tourist:innen sie nur nicht mehr gesehen hätten. Nicht erst seit der Pandemie ist vielen klar: Immer weniger Menschen leben dauerhaft in der Altstadt. Das hat zwar zahlreiche Gründe, der überbordende Massen- und auch Qualitätstourismus hat die Stadt aber in jedem Fall nachhaltig verändert. Viele meinen zum Negativen.

Ein Ausweg ist nicht in Sicht. Die Stadt ist ökonomisch völlig auf die Besucher:innen aus der ganzen Welt angewiesen. Dabei konzentrieren sich die Konfliktlinien häufig auf die Umwelt- oder Finanzpolitik der Stadt. Die Erhaltung des historischen Zentrums und der Hochwasserschutz brachten die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten regelmäßig an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Diese Fragen sind nicht neu. Die Verabschiedung der Charta von Venedig (1964), einem Grundsatzdokument der europäischen Denkmalpflege, und eine Flutkatastrophe von 1966 bewegten die Welt. Seitdem gilt der Schutz der venezianischen Altstadt als internationale Herausforderung. Seit 1987 steht sie auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO.

Im Rahmen der Reise betrachten wir die Ergebnisse der Stadtentwicklungsgeschichte der vergangenen einhundert Jahre. Die Biennale ist nicht zuletzt das Ergebnis einer kulturellen Aufwertung nach dem Absinken Venedigs in die politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit im 19. Jahrhundert. Spätestens unter dem faschistischen Regime, das in Italien von 1922 bis 1943 Bestand hatte, sollten kulturelle Projekte der Stadt neuen Aufschwung verleihen. Ein anderes politisches und ökonomisches Anliegen der Zwischenkriegszeit war die administrative Ausweitung der Stadt auf das Festland. Hier sollte die wirtschaftliche Zukunft der Stadt liegen. Der Industriehafen von Marghera war ein Prestigeprojekt der faschistischen Eliten.

Beide Aspekte, die kulturelle Aufwertung der Altstadt und die industrielle Urbanisierung des Festlandes, haben die Zukunft und das Bild der Stadt bis heute verändert. Diesen Spuren gehen wir auf der Reise nach. Wir werden auch die festländischen Stadtteile besuchen. Denn diese werden immer weiter erschlossen: durch das Gastgewerbe, das dort günstigere Preise anbieten kann (z.B. Neubau zweier A&O-Hostels, 2019), aber auch durch kulturelle Neubauten (Museum des 20. Jhd. M9, Sauerbruch Hutton, 2019) und subkulturelle Projekträume. Deindustrialisierung und Stadtumbau sind große Aufgaben in Mestre und Marghera – im Schatten oder im Rückenwind ihrer weltberühmten Schwester.

Was passiert auf der Reise?

Wie sieht die Zukunft Venedigs aus? Welche Potenziale liegen im nachhaltigen Stadtumbau, mit und ohne Pandemie? Gibt es ein Zurück zum Massentourismus? Auf unserer Reise möchten wir Antworten auf diese Fragen finden und werden dazu mit Menschen und Organisationen vor Ort ins Gespräch kommen, die sich diese Fragen derzeit selber stellen. Dadurch können wir uns ein Bild der komplexen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse und Interessen machen. Da Venedig mit seiner einzigartigen Geschichte und Lage grundsätzlich zu einem Experimentier- und Debattierfeld über die Zukunft des Massentourismus geworden ist, finden wir möglicherweise Antworten, die auch auf andere Kontexte übertragen werden können und in vielfältiger Art und Weise in unsere eigene Praxis integriert werden dürfen.

In diesem Jahr wird die 17. Architekturbiennale in Venedig nachgeholt, die bereits 2020 stattfinden sollte. Wir laden also zusätzlich zu unserem Reiseprogramm zum gemeinsamen Besuch der Architekturbiennale ein und sind gespannt auf die vielfältigen Auseinandersetzungen und Diskussionen über das Thema „How will we live together?“ (Kurator: Hashim Sarkis, Libanon, Dekan der Architekturfakultät des MIT). Neben individueller Erkundung der Ausstellungen möchten wir diese gemeinsam diskutieren und ihre Rolle für die Stadt, aber auch unsere Rolle als Besucher:innen der Architekturschau reflektieren. Indem wir die Biennale kennenlernen, bietet diese als einer von vielen Katalysatoren für den Tourismus, bereits erste Antworten für unser Reisethema.

Wer leitet die Reise?

Gloria, Jannik und Korbi

Gemeinsam haben wir in Weimar studiert und gelebt und kennen uns aus dieser Zeit. Bei dieser Reise bringen wir unsere Erfahrungen aus historischer Stadtforschung, Architektur, Erinnerungskultur, politischem Aktivismus und Bildungsarbeit ein. Gloria und Jannik haben zwei Auslandssemester in Venedig verbracht und lernten das Inselleben kennen.

Wir verstehen uns auf dieser Reise keinesfalls als Expert:innen, sondern laden Dich zu einer gemeinsamen Erfahrung, in der alle Themengebiete und Bedürfnisse gleichermaßen Raum finden sollen. Um notwendige Italienisch-Übersetzungen kümmern wir uns.

Wann findet die Reise statt?

Sonntag, 12. bis Samstag, 18. September 2021 (7 Programmtage)

Deine An- und Abreise erfolgt individuell. Die Anreise sollte bis zum Samstag, 11.09., und die Abreise ab Sonntag, 19.09.2021 erfolgen. Wir geben Dir gerne Tipps zu den verschiedenen Reisemöglichkeiten und vernetzen Dich bei Bedarf mit Anderen aus der Reisegruppe.

Wie viel muss ich zahlen?

Die genauen Reisekosten möchten wir mit Dir und der endgültigen Reisegruppe besprechen und hängen stark von Wünschen und Erwartungen ab. Insgesamt und mit allem Drum und Dran solltest Du knapp 600 € einplanen.

  • Teilnahmebeitrag: 340 €
  • Individuelle Anreise: 150 € (ca. 50-100 € je nach Transportweg/-mittel pro Richtung)
  • Verpflegung: 100 € (ca. 10-20 € pro Tag)

Den Teilnahmebeitrag werden wir kurz vor der Reise in Rechnung stellen. Der Beitrag beinhaltet Übernachtungen in Gruppenunterkunft (Doppel- oder Mehrbettzimmer), Eintrittskosten und Reiseleitungsbeträge. Einzelzimmerzuschläge sind möglich.

Aktuelle Lage der Coronapandemie in Italien

Mit Stand Anfang Juli 2021 gehen wir davon aus, dass die Reise stattfinden wird. Die diesjährige Architekturbiennale wurde am 22. Mai 2021 eröffnet. (Aktuelle Informationen auf der Homepage der Architekturbiennale). Zudem hat die italienische Regierung im Mai 2021 innereuropäische Einreisebestimmung drastisch gelockert, sodass inzwischen eine Einreise ohne Quarantäne möglich ist.

Wie wir als Spatial Interest mit Reisen in Zeiten von Corona umgehen und warum wir trotzdem weiterplanen, erklären wir hier.

Anmeldung

Leider ist unsere Interessent:innenliste bereits voll und eine Anmeldung ist in diesem Jahr nicht mehr möglich. Wir freuen uns, wenn Du in den kommenden Jahre auf eine Spatial Interest-Reise mitkommst.

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