Das war... Reisen

Lausitz 2020: Zwischen Wandel und Bruch

Bericht unserer Bildungsreise vom 2. bis 6. September 2020

Der Startpunkt für unsere fünftägige Tour durch Teile der Lausitz hätte nicht besser gewählt sein können: Auf dem Weg von Sedlitz-Ost zu unserer Herberge, dem IBA-Studierhaus in Großräschen, ist heute noch spürbar, dass die Welt nur ein paar hundert Meter entfernt einfach aufhört. Oder besser: Aufhörte. Denn dort, wo früher Staubwolken über die Klippe der Kohlegrube hinwegwehten, befindet sich jetzt eine eigenwillige Mischung aus mediterraner Promenade und deutschem Seebad. Die einstige Abbruchkante befindet sich im Umbruch: Der künstliche See ist geflutet, aber es fehlt noch einiges bis zum gewünschten Pegelstand. Ein Thema, das uns auf dieser Reise noch einige Male begegnen sollte.

Nach einer ersten Ortserkundung und gegenseitigem Kennenlernen machten wir uns am nächsten Tag mit unseren Rädern auf – nach Proschim. Denn zum Bild dieses sonst unscheinbaren Dorfes gehört der geschichtsträchtige Widerstand gegen seine lange drohende Abbaggerung genauso dazu wie die Freiwillige Feuerwehr. Davon versuchten wir uns ein Bild zu machen und zu verstehen, was es bedeutet, wenn die eigene Heimat zwischen die Bagger und das schwarz-braune Gold gerät, suchten das Gespräch mit Anwohner*innen und sahen zu, wie unsere eigenen Schubladen durcheinandergerieten.

So ging es weiter: Während wir mit offenen Mündern bestaunten, welche Mondlandschaften der Tagebau Welzow-Süd produziert, tauchten wir immer tiefer ein in die Komplexität der Interessen vor Ort und in die Geschichte des Braunkohletagebaus zwischen Industrialisierung und Rohstoffmangel in der DDR. Wir lernten das bereits vorhandene Radwegenetz zu lieben und zu vermissen, wo es noch auf sich warten ließ, besuchten das Archiv der verschwundenen Orte und wurden in Forst Zeug*innen kontrastreicher Straßenszenen zwischen Aggressivität und Herzlichkeit.

Zu den Highlights gehörte auch der Besuch in Hoyerswerda: Wir lernten die „Kulturfabrik“ kennen und ließen uns von der Zuversicht ihrer Macher*innen mitreißen, die immer wieder bewiesen haben, dass kulturelle Arbeit nicht nur ein „nice to have“ ist, sondern gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche viel zum sozialen Zusammenhalt und zur Verarbeitung des Geschehenen beitragen kann. Der Film „Wenn wir erst tanzen“ (Stream in der MDR Mediathek kostenlos verfügbar) zeigt dies eindrücklich anhand mehrerer Tanz-Projekte mit Laien der Kufa. Dorit Baumeister, Architektin des Gebäudes und zum Zeitpunkt unseres Besuchs Kandidatin bei der Oberbürgermeister*innen-Wahl, unternahm mit uns eine Reise durch die Geschichte der Stadt: Vom Boom der Stadt und massenhaftem Zuzug von Facharbeiter*innen aufgrund der Kohleförderung über den Strukturbruch nach der Wende und die rassistischen Pogrome 1991 bis zu den Herausforderungen einer schrumpfenden Stadt in den folgenden Jahren. Allein der Begriff „Schrumpfung“ sei jahrelang tabu gewesen, erzählt Dorit: Die hauptsächlich aus dem Westen kommenden Verantwortlichen hätten genauso wie die Stadtverwaltung lieber weiterhin neue Quartiere geplant, anstatt den Wegzug von etwa 60% der damaligen Bewohner*innen bis 2010 mit all seinen Auswirkungen auf das Zusammenleben in den Stadtvierteln und die Identitäten der Menschen zu gestalten.

Mit schwirrenden Köpfen voller Fakten, Eindrücke und neuer Fragen machten wir uns radelnd auf den Weg Richtung „Hoywoy“-Neustadt. Dort ließen wir uns treiben zwischen Wohnhäusern, auf deren Bezug sich Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten lange gefreut hatten und die seit 1990 vielfach als Inbegriff von Lieblosigkeit gelten. Ein weiteres Klischee, das dem zweiten Blick nicht standhielt.

Viel ist in Bewegung in diesem Teil der Lausitz. Was für eine Art von Wandel die Region in den kommenden Jahren erleben wird, muss sich noch zeigen. In Erinnerung bleiben wird uns eine Region mit vielen Facetten, einer spannenden Geschichte und inspirierenden Menschen. Bis zum nächsten Mal, liebe Lausitz!

Bildnachweis: SI (Titel), SI, SI, Anscho Raasch, Benjamin Seidel, Jakob Wolters, Stef Klemm, Stef Klemm, Anscho Raasch, Stef Klemm, SI, SI, SI, Stef Klemm

Im Frühjahr 2018 haben wir die Lausitz schon einmal bereist. Hier findet ihr den Reisebereicht: